Berliner Winter Feld und Markt
Helge in Panik, Helge am Bahnhof, Helge in der Martin Luther Straße, Helge auf dem Marktplatz, immer wenn man ihn irgendwo da auftauchen sah, wurde das eher nicht wahrgenommen, umso mehr aber spürte er sich selbst, in seiner ganzen kosmischen Reife, seiner Unfertigkeit und Rohheit, eine Figur, die durch das Leben weniger geformt als deformiert wird, dachte er, wie gesund und lebendig sie hier alle ausschauen in diesem vollkommenen Samstagnachmittags- licht, dieser weißen Sonne über dem Platz, die fast senkrecht auf uns niederscheint und somit kaum Schatten wirft, damit auch all die Figuren hier in weißes kontrastarmes Licht wirft, was sie gleich auch hell und freundlich macht, obwohl doch auch sie irgend so etwas von dem in sich tragen mussten, was Helge an sich selbst als Wintercharakter ausgemacht hatte, ein Wintermärchen bin ich, auch im Sommer, dachte er. Wenn man das überhaupt noch Denken nennen kann. Ich habe doch erst heute Morgen gedacht, dass ich meine gesamte Hirnsubstanz zu verlieren scheine, wenn ich bedenke, wie ich vor Jahren noch wach wurde, wie da immer gleich auch und als würde irgendein Idiot das Licht anschmeißen, wie es ihm passt, die Gedanken durch den ganzen Körper zuckten, was da alles so rumzuckte – im Gegensatz zu heute. Da zuckt gar nichts mehr. Das ist schon fast angenehme Leere da am frühen Morgen, wenn man quasi, aus dem Alzheimer erwacht, einen einzigen Gedanken hat: ich muss pinkeln. Oder zum Bäcker. Oder mich zumindest erstmal anziehen. Ist heute Montag oder Mittwoch? Nein Samstag, ich muss also gar nichts, kann ich gleich auch liegenbleiben, hat doch keine Eile alles das hier. Und dann findet man sich auf dem Winterfeldmarkt wieder und denkt, was ist es so wunderbar hell und unkompliziert hier und dort. Und all die Leute. Wie angenehm. Samstags guckt man lieber nicht so genau hin, die Frauen sind nicht mal geschminkt, im Gegenteil, sie wirken geradezu abgeschminkt. Ist ja auch der Mitlifekrisisbahnhof, dieser Marktplatz, wir kommen hier nicht etwa zum Gemüse- oder Brotkaufen zusammen, sondern einfach, um uns schweigend aneinander unser Altern anzutun, käseweiß, von der Sonne doppelt aufgehellt, sehen wir aus wie Kristalle, leuchtend scharf und unberührt, fass mich nicht an!
Noch bevor man sich überhaupt auf den Marktplatz hinaus traute … noch bevor die Brötchen besorgt sind, gleich erstmal aufräumen, Papiere sortieren, die Lebensversicherungen, die Gutschriften der Bank, die Prognosen für den Jahreszins, die ganzen eigenartigen Papiere, die einem nichts anderes verdeutlichen als: So gut wie heute ging es dir noch nie, du bist versorgt, rundum, es kann dich nur noch der Blitz treffen - oder ein Bus erwischen. Du bist endlich dieser erwachsen gewordene Spießer, der dir in deiner Jugend nicht begegne durfte, endlich sehen deine Kontoauszüge so aus, wie sie auszusehen haben für einen, der es geschafft hat, der sich seiner Sache sicher sein kann, der nur noch von der Spur geraten kann, wenn die Sozis ein Enteignungsgesetz verfassen, nach dem all das, was man sich mühselig zusammengearbeitet hat, als Diebstahl am Volk bezeichnet und deswegen der Staatskasse zugeschrieben wird. Was ja ohnehin schon mehrfach versteuert war, und immer schien es, als werde man stündlich fast enteignet, dann aber, wenn die Sozis ihrem Gerechtigkeitswahn vollends erlagen, würde auch Helge komplett enteignet, und müsste statt auf den Marktplatz zu laufen, sich einen Besen besorgen, um den Nollendorfplatz auszukehren … nein. Noch bevor er am Marktplatz erschien also dieses Aufräumen. Versicherungspapiere, die die kommenden zwanzig Jahre aufbewahrt werden sollten, damit niemand einmal sagen könne, er habe nicht auch fürs Alter vorgesorgt. Alles in der Kiste, meine Lieben. Alles versorgt. Ich muss nur noch 20 Jahre durchhalten. Nur noch 20 Jahre arbeiten für den kleinen Freudentaumel. Fürs Paradies der ausgeleuchteten und unberührbaren Eiskristalle.
Wenn da nicht diese aberwitzigen Wünsche wären. Dieses Wünschen und größenwahnsinnig werden. Immer wenn man aus dem Urlaub zurückkam und von den Südeuropäern vorgelebt bekommen hatte, wie man sein Leben auf Grundlage der aus Deutschland Frankreich England Dänemark Schweden und neuerdings auch Russland investierten Gelder verbringen kann. Nein, so wird das nichts. Immer diese überflüssigen Gedanken eines seinem Alterungsprozesses ausgelieferten Mannes, der so scheint, als sei er nur ein deutscher Jammerlappen, ein mit sich und der Welt nicht im Reinen sondern Unklaren. Ein Typ, der bei so viel Grimm mehr einem Triebtäter ähnelt denn einem harmlosen am Samstag auf die Straße tretenden Mannes mit der einen Absicht: den Kühlschrank auffüllen. So ein Typ hat doch nichts, was ihn auffällig erscheinen lässt, was ihn gar zu einer Figur werden lässt, der man mal eben seine Zeit widmet, nein nicht noch so einer. Und mit Sex hat das auch nichts zu tun. Und auch nichts mit Gesellschaft. Nichts mit Wirtschaft, nichts mit Wissenschaft. Kein Repräsentant also, keine Gauss‘sche Normalverteilung, keine Hobbies, kein Fußball, also nicht mal ein Magazin füllendes Thema, was soll das dann werden hier: Muss er sich mal beeilen, einen anderen Typen zu treffen, dort am Winterfeldfeldplatz, einen, den man vielleicht als Repräsentanten einer gesellschaftlich relevanten Schicht bezeichnen könnte, einen Journalisten, einen Bundestagsabgeordneten vielleicht, einen Lobbyisten aus der Chemie der Medizin oder der Energiewirtschaft, vielleicht einen aus dem Vorstand von Hertha BSC, oder einen Professor der FU, oder vielleicht einfach nur einen Arbeitskollegen, der, weil in der Werbebranche tätig, nun endlich auch verraten könnte, was unser Helge da eigentlich treibt unter der Woche. Wenn er nicht auf Wochenmärkten unterwegs ist, wenn er nicht ins Kino geht, wenn er keine Frau vögelt, wenn er keine Kekse isst, wenn er nicht schon wieder Stevie Wonder hört, nur um sich an seine schrulligen Jugendgeschichten zu erinnern, wenn er also weder Sport treibt, noch Urlaubspläne schmiedet, wenn er also einfach nur an einem Tisch sitzt, und im Internet herum surft, um sich zum aberhundertsten Mal auf Spiegel Online einen herbeizuholen über das Markt- und Politikgeschehen. Tja, wen treffen wir denn nun am Winterfeldmarkt? Wahrscheinlich eher niemanden. Ist ja Samstag. Die Bundesminister alle auf Landurlaub, die Kollegen noch am frühstücken, die jungen Leute … ja wo eigentlich sind die jungen Leute. In Charlottenburg die Rentner, in Friedrichshain die Jugend. Und dazwischen dieses mittige Nichts volle Touristen und schließlich Schöneberg. Ein Stadtviertel, das von der 89er Revolution genauso wenig mitbekommen zu haben scheint wie von 9/11. Die Leute da im Cafe M sind doch noch immer die gleichen wie vor mehr als zwanzig Jahren. Ihre Mode auch. Und jede der Sonnenbrillen sowieso. Tja, komisch, dachte Helge, die Stadt ist nicht mal mehr mein Zuhause mit dir. Wenn ich dich noch einmal in Erinnerung rufen darf, du ewig verschwundene Geschichte da mit deinem Donnergrinsen, das die halbe Stadt verwüstete. Nun ist Samstag und das Gemüse schon in Tüten.